Fiscbechi und tote Pferde

Oldenburgische Landschaft auf archäologischer Entdeckungsreise

 Visbek ist ein Ort mit langer Geschichte, und diese wird nun mit dem neuen eröffneten Informationszentrum „ArchäoVisbek“ gewürdigt. Fast überall, wo in Visbek gebaut wurde, so erscheint es mir, sind Unmengen archäologischer Fundstätten. Durch zwei große Grabungen in den letzten Jahrzehnten wurden die geschichtsträchtigen Siedlungspuren wissenschaftlich aufbereitet und werden auch im Informationszentrum ausgestellt.

ArchäoVisbek Foto: SCS

Geschichtsträchtiger Ort

Die Visbeker Gemeinde will mit dem neuen Zentrum das Verständnis der Bevölkerung – immerhin ungefähr 10.000 Einwohner – für die bis in die Eisenzeit zurückreichende Geschichte des kleinen Ortes stärken. Eine der ersten urkundlichen Erwähnungen lautet noch „Fiscbechi“. Die Gemeinde unterstützt nicht nur das Informationszentrum, sondern vor allem den Heimatverein Visbek. Dieser arbeitet so vorbildlich, dass beispielsweise in Barßel der Bürger- und Heimatverein Barßel e.V. sein “lütje Huus” komplett nach deren Vorbild errichtete. „Sogar die Öffnungszeiten haben sie von uns übernommen“, witzelt der Vorsitzende des Heimatvereins Visbek, Manfred Gelhaus, bei unserem Besuch.

 

Sommerreise

Landschaftspräsident Thomas Kossendey ist unterwegs im Oldenburger Land, und weil es das Thema hergibt, lädt er diesmal auch die AG Archäologie der Oldenburgischen Landschaft ein, an der Führung am 1. August 2018 durch das ArchäoVisbek teilzunehmen. Gerbert Schmedes, Leiter Arbeitskreis Archäologie des Heimatvereins, führt die

„Landschaftsarchäologen“ fachkundig durch die Ausstellung und berichtet ausführlich von den beiden Grabungen, die maßgeblich für die Inhalte herbeigezogen wurden.

Grabfunde

Die Grabungen in der Bauerschaft Endel („Sommerbrink“) 2010 und in Visbek („Uhlenkamp“) 2016, ergaben Funde, die von einem ausgedehnten sächsischen Gräberfeld mit circa 200 Körpergräbern aus dem 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. bis zu Kellerbauten von einem quellenkundlich völlig unbekannten Langhaus reichten. „Der Ausgabungsfirma gingen die Fähnchen aus, so viele Gräber wurden gefunden“, erzählt Schmedes. Als Grabbeigaben, darunter Schmuck, Schwerter und Rasierzeug, wurden auch etwa 40 Pferde gefunden, von denen eines im rekonstruierten Boden des Ausstellungsraumes zu betrachten ist.

 

Konzeption und Inhalte

3D-Modelle der rekonstruierten Häuser, Foto: SCS

Die Ausstellungskonzeption von Dr. Beate Bollmann, Museumsberatung „Konzept und Kommunikation“ Oldenburg, stellt die Arbeit eines Archäologen oder eines Historikers sehr anschaulich dar. Die Arbeitsgruppe, die die Ausstellung vorbereitete, bestand aus einem interdisziplinären Team vom Heimatverein, Gästeführern und der Gemeinde Visbek. Eine fast lückenlose Siedlungskontinuität wird vermutet und mit Hilfe von 3D-gedruckten Modellen der Langhäuser veranschaulicht. Die Christianisierung war den Organisatoren ein wichtiger Punkt, zumal mit einer Kreuzfibel aus dem 9. Jahrhundert wahrscheinlich eines der ältesten Zeugnisse christlichen Glaubens ausgestellt werden kann. Die sehr gut ausgewählten Objekte der Ausstellung verdeutlichen die dargestellten Inhalte, beispielsweise werden Handelswege nicht nur anhand von Grabungsfunden dokumentiert, sondern auch mit Hilfe von Euromünzen mit Länderabbildungen, die sehr schnell nach Erscheinen bereits weit in Europa verteilt waren und somit direkt an die Erfahrungswelt des Besuchers anknüpfen.

DNAfähiges Material aus der Sachsenzeit im Gefrierschrank des Heimatvereins, Foto: SCS

So ist es kein Wunder, dass bereits etwa 1.000 Besucher das Zentrum besuchten, das im Mai 2018 eröffnete. „Dieses Infozentrum ist zu Recht eine Quelle der Anregung für andere Gemeinden“, so Thomas Kossendey bei seinem Besuch.

 

 

 

Heimatverein

Manfred Gelhaus stellt die Arbeit des Heimatvereins vor, Foto: SCS

Der 1951 gegründete Heimatverein Visbek ist dank der Zusammenarbeit mit der Gemeinde sehr gut aufgestellt. Seine über 1000 Mitglieder erstellen oft ehrenamtlich Ortschroniken und Jahrbücher, in seinen Räumen werden sämtliche Akten teils im Original teils als Kopie archiviert und ausgewertet, die zur Geschichte der Gemeinde gehören: von Zeitungsartikeln über Künstler-Akten, Fotoalben oder Schriftstücken, die von Bürgern mit der Bitte um Transkription gebracht werden bis hin zu den besagten Grabungsfunden. Darunter auch eine Reihe von DNA-fähigem Material aus der Sachsenzeit, das in gefrorenem Zustand auf seine wissenschaftliche Aufarbeitung wartet.

Die Gemeinde hat den Vorteil erkannt, den die engagierten Ehrenamtlichen bedeuten, und stellt dem Heimatverein nicht nur ihr eigenes Archivmaterial zur (wissenschaftlichen) Auswertung zu Verfügung, sondern unterhält auch die neuen Räumlichkeiten.

 

Fazit

Ein Besuch des Infozentrums ist für jeden regionsgeschichtlich Interessierten lohnenswert. Ich empfehle jedoch, jemanden vom Heimatverein anzusprechen, der bereit ist, zusätzliche Informationen zu geben, oder gar den Heimatverein im ersten Stock noch dazu vorzustellen. Denn sollte man von weiter weg kommen, ist man möglicherweise enttäuscht, dass es sich lediglich um einen einzigen (großen) Raum handelt. Aber auch der Ort Visbek kann sich sehen lassen, der verkehrsberuhigte Ortskern, in der das Infozentrum sehr zentral gelegen ist, mit schönen Häuserfassaden ist sicherlich einen Bummel wert. Nicht zu vergessen, die Großsteingräber „Visbeker Braut und Bräutigam“ nördlich von Visbek.

Inhaltlich ist die Ausstellung sowohl fundiert als auch sehr einfach und für gerade für Laien verständlich aufbereitet. Die Objektauswahl ist ausgesprochen gut durchdacht, und dabei geradezu spektakulär: Ein Handschwert oder die 3D-gedruckten Modelle dürfen angefasst werden, Hörstationen und Videos ergänzen die Objektauswahl. Als Fachreferentin für Sammlungsmanagement bin ich voll des Lobes für die Ausstellungsgestaltung und als archäologischer Laie bin ich fasziniert, begeistert und vor allem sehr beeindruckt von den Inhalten.