Interview: Beratungsstelle KuBiRegio

Tobias Pollok und Sarah-C. Siebert im Gespräch. Foto: Jörgen Welp

Interview: Sarah-Christin Siebert.

SCS: Herzlich Willkommen im Team der Oldenburgischen Landschaft. Tobias, du bist jetzt für das Modellprojekt KuBi Regio ein Teil der Landschaft. Und ich habe mich gefragt: Kulturelle Bildung ist ja ein Begriff, der einem vielerorts begegnet. Aber was genau bedeutet er eigentlich?

TP: Das ist gar nicht so einfach zu fassen. Natürlich existieren zahlreiche, hoch akademische Definitionsansätze. Wenn man es etwas herunter bricht, geht es darum junge Menschen zu befähigen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ganz entscheidend dafür sind Fragen nach der eigenen Identität, also „Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Wo will ich hin?“.

SCS: Das klingt nun erst mal nach den philosophischen Grundfragen des Lebens…

TP: Das stimmt. Allerdings ist Kulturelle Bildung absolut kein Crashkurs in Philosophie. Es ist vielmehr so, dass die Befähigung sich selbst und seine Umfeld zu reflektieren, ganz eng in kulturelle, gesellschaftliche und soziale Kontexte eingebunden sind. Und diese müssen erfahrbar gemacht werden. Musik- oder Kunstschulen, aber auch Theater und Museen tun dies zum Beispiel. Nicht nur das Wissen um kulturelle Güter, sondern die ästhetische Erfahrung, das Ausprobieren und das Selbermachen stehen hier im Vordergrund. Der Zugang zu Kultur ist dann ein ganz anderer. Insbesondere für Kinder und Jugendliche, wenn sie die Möglichkeit haben sich selber auszuprobieren. Es fördert Kreativität, ästhetische Geschmäcker können sich herausbilden, Interesse wird geweckt und es entsteht eine ganz andere Möglichkeit über die unterschiedlichsten Kulturgüter zu sprechen und sich später gesellschaftlich einzubringen.

SCS: Wie muss man sich das denn dann in der Praxis vorstellen? Hast du vielleicht ein Beispiel dafür?

Foto: Oldenburgische Landschaft

TP: Das ist jetzt stark vereinfacht, aber wenn ich selbst einmal ausprobiert habe ein Gedicht zu schreiben, vielleicht sogar ganz klassisch in Versform und sehe, was das für eine künstlerische Leistung ist, dann verstehe ich viel besser, warum Goethe zum Schulkanon gehört. Und natürlich kann man die Texte von aktuellen Rappern trotzdem besser finden. Und wenn Jugendliche dann im JUZ einen Hiphop-workshop besuchen und wissen, dass die eigenen Wortspiele oftmals auf Sprichwörtern aus der Lutherbibel und Goethes Faust stammen, oder dass Banksys streetart eine Fortführung popkultureller Phänomene ist, dann entsteht ja eine ganz anderes Bewusstsein – sowohl von der Gesellschaft um einen herum als aber auch im Selbstverständnis des einzelnen Jugendlichen. Und derartige Erfahrungsmöglichkeiten sind natürlich ganz wichtig für das Herausbilden von Interessen, von Vorlieben und Meinungen und tragen ganz essentiell zur Identitätsbildung bei.

Dabei geht es natürlich nicht um eine Gleichmacherei, sondern vielmehr darum jungen Menschen das Selbstbewusstsein und die Kompetenz zu geben sich in der Gesellschaft zu orientieren und natürlich auch sich anhand der eigenen Interessen und Überzeugungen einzubringen.

SCS: Geht es denn jetzt um das Vermitteln von Kompetenzen, wie es auch in den Curricula der Schulen steht oder um einen auf Inhalte basierten Bildungsauftrag?

TP: Um beides natürlich. Aber der Fokus liegt ganz klar auf der sinnlichen Erfahrung, also der Möglichkeit selbst einmal einen Farbpinsel, eine Sprühdose, eine Gitarre oder was-auch-immer in die Hand zu nehmen. Der Kanon der Hochkultur liefert dafür ebenso Zugänge, wie die Breitenkultur – es geht halt nur nicht darum zu wissen, wann welcher Komponist oder Dichter geboren ist.

SCS: Das klingt spannend und wichtig. Was ist denn nun deine Aufgabe im Rahmen des Modellprojekts KuBi Regio? Wie gehst du dieses Projekt an, wo die Durchführung doch bei Institutionen wie Schulen, Jugendzentren, Musik- und Kunstschulen und anderen Kultureinrichtungen angesiedelt ist?

TP: Das vom MWK ins Leben gerufene Projekt „KuBi Regio“ hat niedersachsenweit vier Projektstellen geschaffen, wovon eine, also meine, auf das Oldenburger Land fällt. Der Fokus des Projekts richtet sich auf die eher ländlichen Regionen, also weniger auf die Städte in denen ja schon viele und gute Projekte laufen. In Absprache mit meinen Kolleginnen in Meppen, Stade und Göttingen, die in ihren Regionen das Projekt KuBi Regio angehen, habe ich zunächst eine Bestandsaufnahme gemacht, um einen Überblick zu haben was im Oldenburger Land und darüber hinaus bisher so passiert. Und das ist glücklicherweise schon eine Menge. Aber es gibt auch noch viel zu tun.

SCS: Und was  sind die Ergebnisse der Bestandaufnahme?

TP: Die Auswertung ist noch nicht komplett abgeschlossen. Was bei den bisherigen Rückläufen auffällig ist, ist dass es insbesondere in den urbaneren Räumen schon ein sehr umfangreiches Angebot gibt, das inhaltlich ganz hervorragend konzipiert ist. Hier kann vor allem noch die Kommunikation nach außen verbessert werden, sodass Projektangebote breitflächiger bekannt und noch stärker angenommen werden. Außerdem gibt es Bedarf bei Finanzierung der Angebote. Im ländlicheren Raum ist das Bild anders: Auf der einen Seite gibt es einige wenige „Leuchttürme“, die wirklich tolle und erfolgreiche Projekte umsetzen und eigentlich kaum Unterstützung brauchen. Und dann auf der anderen Seite zahlreiche Einrichtungen, insbesondere kleinere Heimat- und Dorfvereine aber auch einzelne Kulturakteure sowie Jugendhäuser und Regionalmuseen, die wahnsinnig  gerne etwas tun möchten, aber leider weder Projektideen noch die Erfahrung und die Kenntnis über die Akquise von Fördermitteln haben. Auch die Herausforderungen mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen wird in diesem Zusammenhang oft genannt. Das sind spannenden Projekte, wo zeitnah die persönliche Kontaktaufnahme erfolgen muss. Hier muss man sich einen detaillierten Überblick über die Situation vor Ort verschaffen, um zielgerichtet, inhaltlich wie bei der Akquise von Drittmitteln beraten zu können. Und natürlich gibt es auch Einrichtungen, die sagen, “das ist alles neumodischer Krams, wir haben das die letzten 200 Jahre in unserer Dorfgemeinschaft geschafft, wir brauchen das nicht.“ Sowas muss man dann auch akzeptieren.

SCS: Es geht also vorranging um die Beratung und die Unterstützung von Einrichtungen, die auf dich zu kommen und die sagen: Wir wollen `was machen, sag uns mal wie das geht und wie wir das bezahlen!?

TP: Naja, es ist schon so, dass ich meine Aufgabe eher als beratende Tätigkeit verstehe. Es geht mir darum, im Gespräch mit den ausführenden Institutionen vor Ort das bestmögliche Konzept für die jeweilige Situation zu finden. Also kein Überstülpen von erfolgreichen Projekten von anderswo, sondern der Entwicklung von Projekten, die der jeweiligen Situation entsprechen. Das bedeutet zum einen inhaltliche Beratung, wie auch bei der Suche und der Antragstellung nach Fördermittelgebern behilflich zu sein, die passend sind. Es wäre zu einfach zu denken, dass die Situation in Ort X denselben erfolgversprechenden Gesetzten folgt, wie es ggf. schon bei Projekt Y in Ortschaft Z gelaufen ist. Außerdem ist es wichtig, dass möglichst viele gesellschaftliche Kräfte von der Projektidee überzeugt sind und diese mittragen. Ob als Unterstützer inhaltlich oder finanziell, oder als Multiplikator ist dabei egal. Insbesondere in kleineren Gemeinden und Dorfgemeinschaften ist es von Bedeutung, dass derartige Ansätze von einem Großteil der ansässigen Gemeinschaft wohlwollend aufgenommen werden. Dafür muss man das Gespräch suchen.

SCS: Neben der persönlichen und individuellen Beratung hast du eine digitale Informationsplattform im Internet geplant. Was hat es damit auf sich?

TP: Die Unterstützung bei der Konzeption und Umsetzung von einzelnen Projekten wird natürlich einen großen Teil meiner Tätigkeit ausmachen. Um das ganze Projekt aber nachhaltig aufzustellen, ist die Idee entstanden, dass man einen Web-Blog bastelt, der meine Arbeit unterstützt und hoffentlich nach Ablauf des Modellprojekts überflüssig macht. Auf dieser Internetplattform soll niedrigschwellig, also möglichst leicht verständlich, über die Fördermöglichkeiten auf regionaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene informiert werden. Es gibt auch eine Vielzahl von Wettbewerben und Preisen, auf die sich Kulturprojekte mit Bezug zur Kulturellen Bildung bewerben können. Außerdem werden dort die „Leuchtturmprojekte“, also sog. best-practise Beispiele vorgestellt. Die Grundidee dahinter ist, dass es sich zu einem Informationsportal entwickelt, auf dem sich Einrichtungen und Akteure inspirieren lassen und auch direkt mit den jeweiligen Einrichtungen in Kontakt treten können um sich über die Erfolge, Hürden und planerischen Schwierigkeiten austauschen können. Ein echtes Web 2.0-Projekt also, das auf visuell ansprechende Weise die Vernetzung von Kulturakteuren und Institutionen im Nordwesten fördert und zeitgleich Informationen liefert, wie man gute Projektideen finanzieren kann.

SCS: Das klingt durchdacht und auch sehr ambitioniert. Das Team der Oldenburgischen Landschaft wünscht Dir in jedem Fall viel Erfolg und unterstützt dich gern. Wie bist du denn für Nachfragen und grundsätzliche Kontaktaufnahmen zu erreichen?

TP: Meine Bürozeiten sind dienstags und mittwochs von 10 bis 17 Uhr, in dieser Zeit bin ich unter der Durchwahl 0441-7791825 erreichbar. Und sollte ich gerade irgendwo in der Region unterwegs sein, kann man mich via e-Mail unter pollok@oldenburgische-landschaft.de kontaktieren. Über persönliche Besuche am Dienstag und Mittwoch freue ich mich natürlich auch.

Dieser Beitrag erschien erstmals im „Kulturland Oldenburg“ Nr. 171.